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Berlins erstes Windrad beinahe verschlafen

Wenn Peter Weber in seiner Wohnung im Berliner Bezirk Pankow unter der Dusche steht und aus dem Fenster schaut, sieht er am Horizont ein Windrad hinter schmutzigweißen Plattenbauten hervor ragen. Die Anlage ist eine von nur fünf Windrädern auf Berliner Boden. Peter Weber nennt sie „meine Mühle“.

15. November 2017   •   Gepostet von: Björn

Gemeinsam mit seinen Partnern Frank Vach und Ulf Winkler hat er sie 2013 errichten lassen, es ist ihr zweites Windrad in Berlin. Nun gönnt er sich jeden Morgen diesen Blick auf das Ergebnis ihrer Arbeit. Es war ein langer, beschwerlicher Weg.

Noch heute kann sich Weber recht genau an den Moment im Mai 2008 erinnern, als ihre erste Mühle endlich Gestalt annahm: Der Morgen graute bereits, über dem Feld hing Nebel, als die drei Schwertransporter auf die schmale Straße bogen. Weber hätte den Moment, auf den er so lange gewartet hatte, beinahe verschlafen.

Peter Weber vor seinem Windrad bei Berlin.

Er und seine Freunde hatten abends gegrillt und immer wieder in die Ferne geblickt, doch die Schwertransporter kamen nicht. Es gab wohl Verzögerungen auf der Fahrt. Straßenschilder mussten abmontiert werden, um genügend Platz für die langen Fahrzeuge zu schaffen. Die Polizisten, die den Transport begleiteten, wechselten von Bundesland zu Bundesland, auch das kostete Zeit.

Gegen zwei Uhr morgens war Weber in seinen Campingbus gestiegen und hatte sich hingelegt. Nun war es kurz nach vier Uhr und einer der Bauarbeiter hatte ihn gerade geweckt. Draußen kreisten bereits die Lichtkegel der Warnleuchten und beendeten die kurze Nacht.

Auf den Schwertransportern lagen die drei Rotorblätter, jedes einzelne mehr als vierzig Meter lang. Die Arbeiter, die die Blätter in den kommenden Tagen an dem Turm anbringen sollten, hätten sich damals gewundert, erzählt Weber, dass er in dieser Nacht auf dem Feld campierte, gemeinsam mit etwa zwanzig Freunden. Normalerweise interessierten sich die Betreiber nicht für den Aufbau eines Windrads, sagten die Bauarbeiter.

„Aber für uns war das nichts Alltägliches“, sagt Weber. „Wir sind kein Stromkonzern, der hunderte Anlagen betreibt.“

Peter Weber vor seinem Windrad bei Berlin.

Sucht man bei Google Maps nach den Begriffen „Berliner Windrad“, findet man diese erste Mühle: am äußersten nördlichen Rand der Hauptstadt, wo das Berlingrau vom Brandenburggrün abgelöst wird, zwischen den Autobahnen A114 und A10, in Nachbarschaft zu einem Großlager einer Supermarktkette. 138 Meter ragt die Mühle dort in den Himmel, fast so hoch wie der Kölner Dom. Fünf Jahre haben Weber und seine Partner für diese Mühle gekämpft.

Sie mussten in Berlin, einer Stadt, deren Behörden nicht gerade für Schnelligkeit und Organisationstalent bekannt sind, zwei Senatsverwaltungen von ihrem Vorhaben überzeugen, die Senatsverwaltung für Umwelt und die für Stadtentwicklung.

Berlin war damals das einzige Bundesland, in dem sich kein einziges Windrad drehte. Weber und seine Partner waren also Pioniere. Es gab keine Genehmigungsverfahren, an denen sie sich orientieren konnten. „Wir haben verrückte Dinge erlebt“, sagt Weber. Die Eröffnungsfeier im Juli 2008 haben sie beinahe absagen müssen, weil die Berliner Behörden es nicht geschafft hatten, die Brandschutzeinrichtungen zu kontrollieren.

Trotzdem haben Weber und seine Partner weitergemacht und 2013 eine zweite Mühle aufstellen lassen. Es ist die, die Weber von seinem Badezimmerfenster aus sieht.

Peter Weber vor seinem Windrad bei Berlin.

Weber ist 52 Jahre alt, ein leiser, zurückhaltender Mann, den man für einen Sozialarbeiter halten könnte, kein Managertyp. Er trägt kurze, braune Haare, sein dunkelblaues Hemd hängt ihm locker über der Hose. Unter der Unterlippe hat er sich einen schmalen Kinnbart stehen lassen, wie ein Tupfer Unangepasstheit.

Er ist in Pankow aufgewachsen, im Stadtteil Rosenthal, eine Ostberliner Einfamilienhaussiedlung unmittelbar an der damaligen deutschdeutschen Grenze. Seine Jugend habe sich trotzdem wahnsinnig still und beschaulich angefühlt, sagt Weber.

Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Elektronikfacharbeiter, sein Leben lief, wie es laufen sollte. Bis 1989 die Mauer fiel und damit sämtliche Pläne und Gewissheiten. Weber war 24 Jahre alt und begriff diesen Moment als Chance, als Schritt in die Unabhängigkeit. „Die alten Autoritäten waren auf einmal weg, die neuen waren noch nicht da“, sagt er. „Wir wollten die Freiräume, die sich auftaten, besetzen und nutzen.“

Gemeinsam mit Freunden zog er in die Oderbergerstraße in Prenzlauer Berg, ein Zentrum der Alternativkultur. Dort gründeten sie in einer leerstehenden Gewerbeeinheit eine Sozialkantine, in der es günstiges Essen für die Kieznachbarn gab. Die Renovierung übernahmen sie selbst.

Als der Besitzer die Immobilie verkaufen wollte, schlossen sich Weber und seine Mitstreiter einem Genossenschaftsprojekt an, mit dessen Hilfe sie das gesamte Haus erwarben. Weber wohnte bis 2015 darin, bis er ein Stück nördlich nach Pankow zog.

Er gehörte damals zu denen, die diese Selbstermächtigung vorantrieben, die sich nicht auf den Staat oder den Markt verlassen wollten. Seit 1996 ist er einer der Vorstände des Genossenschaftsprojekts, der SelbstBau e.G., das mittlerweile 24 Hausprojekte realisiert hat. Insgesamt 450 Wohnungen wurden so der Spekulation entzogen.

Auch das Thema Energie hat Weber und seine Mitstreiter von Anfang an beschäftigt. In ihrem Haus in der Oderbergerstraße haben sie 2003 ein Blockheizkraftwerk eingebaut, das mit Gas betrieben wird. Später installierten sie auf dem Dach Solarzellen. Sie wollten den Strom, den sie verbrauchen, selbst produzieren.

„Den Gedanken daran, dass jeden Tag auf der Welt immer mehr Atommüll produziert wird, und es bis heute keine Lösung für den Verbleib des Mülls gibt, finde ich wirklich furchtbar“, sagt Weber.

Als er 2002 zufällig Frank Vach kennen lernte, der mit seinem Unternehmen Umweltplan Projekt GmbH schon länger in der Windenergiebranche tätig war, fühlte es sich für Weber an wie eine Begegnung, auf die er schon lange gewartet hatte.

Gemeinsam mit Vachs Partner Ulf Winkler fassten die beiden den Plan, endlich auch in Berlin Windkraft zu nutzen. Sie gründeten ein Unternehmen: die Neue Energie Berlin GmbH. „Unsere zwei Mühlen werden die Welt nicht retten“, sagt Weber. „Aber sie leisten einen kleinen Beitrag dazu, dass etwas weniger Müll anfällt und etwas wenige Kohle verbrannt wird.“

Wenn Weber nun am Wochenende Freunde in der Uckermark besucht hat und auf der Autobahn zurück Richtung Berlin fährt, sieht er zuerst die beiden Mühlen und dann den Fernsehturm. Die drehenden Rotorblätter erinnerten ihn jedes Mal daran, dass genau in diesem Moment Strom erzeugt wird, ohne Rückstände und ohne Strahlungsgefahr, sagt Weber. Und er denkt dann: Ich bin wieder zu Hause.

Peters Windrad bei enyway

Peter betreibt das Windrad zusammen mit seinen Partnern Ulf und Frank. Hier bei enyway kannst du Ulf zu deinem persönlichen Stromverkäufer machen

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