Wassermühle Müller-Scheeßel: Über 500 Jahre Tradition | enyway

Wo Strom eine emotionale Brücke schlägt

Alle zwei Wochen steigt Jan Müller-Scheeßel in den feuchten Schacht herunter, unter dem hörbar der Fluß Wümme gurgelt und rauscht. In einer Hand den Topf mit angewärmtem Öl, in der anderen den Pinsel, um die Zapfen eines fast 90 Jahre alten Getriebes zu schmieren.

04. Dezember 2017   •   Gepostet von: Björn

Jan muss das Getriebe regelmäßig ölen. Es gehört zu einer Turbine, die Strom aus der Kraft der Wümme erzeugt. Früher für den Eigenbedarf und umliegende Arbeiterhäuser. In Zukunft für jeden, der auf enyway Strom von Jan Müller-Scheeßel kaufen möchte.

Alle zwei Wochen, mit angewärmtem Öl? „Ist doch eine Kleinigkeit“ sagt Müller-Scheeßel im breiten, langsamen Dialekt der Gegend. Den braunen Mantelkragen hat er hochgeschlagen, gegen die vom Fluss heraufziehende Kälte. Eine Kleinigkeit. Das mag einem so vorkommen, wenn man in diesem Gewimmel aus Zahnrädern, Walzen und Transmissionsriemen aufgewachsen ist. So wie der Mann, der jetzt in das Innere der Maschine hinabschaut, mit Stolz im Blick. Seine Mühle.

Beeindruckende Größe und Geschichte: die Mühle mit den dazugehörigen Gebäuden. Jan hat viele Ideen, wie sie künftig genutzt werden können.

Massive Zahnräder greifen ineinander.

Jan vor der Familien-Mühle

Scheeßel – das ist ein Dorf zwischen Hamburg und Bremen, das man aus drei Gründen kennen könnte: wegen des „Hurricane“-Rockfestivals, des prachtvollen Trachtengruppentreffens oder wegen der „Wumme von der Wümme“. So nannte man den schussgewaltigen Ex-Bundesliga-Profi Matthias Scherz. Geschichte ist hier mit Namen verwoben. Ganz buchstäblich. Die Müllers heißen Müller, weil sie Müller sind. Und zwar seit über 500 Jahren. Als Kolumbus Amerika entdeckte, betrieb die Familie bereits die Mühle. Wegen eines Konkurrenten in der Gegend änderten sie ihren Namen in Müller-Scheeßel.

Jan Müller-Scheeßel, 50 Jahre alt, ist promovierter Volkswirt – und aus jedem seiner Sätze hört man sie heraus: Die Begeisterung für Wissenschaft, seine Frau ist Gymnasiallehrerin für Mathematik, der älteste Sohn hat gerade ein Physikstudium begonnen. Mit der Idee, den Ökostrom der Mühle zu verkaufen, führt er nun die Tradition seiner Vorfahren fort und verbindet sie mit der Zukunft.

Studierter Volkswirt mit langer Familientradition: Jan Müller-Scheeßel

Neben den historischen Gebäuden grasen Rinder an der Wümme.

Eigentlich sei die Scheeßeler Wassermühle ein lebendiges Industriemuseum vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert, erzählt Müller-Scheeßel, als er durch das gewaltige Gebäude führt. Gebaut aus Fachwerk und rotem Ziegelstein, massiv und unverwüstlich, die Mühle ebenso wie der angrenzende Bauernhof, der immer noch die wirtschaftliche Existenz der Familie sichert. Früher gab es dazu auch noch ein Sägewerk, eine Ziegelei und Brennerei, die alle zusammen mal ein vielfältiger Gewerbebetrieb in Familienhand waren.

Die Wümme scheint zwar gar nicht so viel Wumms zu haben, wenn sie gemächlich durch Wiesen und Äcker fließt. Und doch hat sie Müllers Vorfahren – so wie viele Besitzer von Wassermühlen – einmal ziemlich reich gemacht. Das Müller-Wohnhaus ist noch heute stattlich im Stil einer Fabrikanten-Villa. Hier sitzt Jan Müller-Scheeßel im Musikzimmer, ein Mann mit kurzen grauen Haaren, wachen, hellen Augen und einem aufblitzenden Lächeln. Der auf die Wand gemalte Familienstammbau reicht bis ins Mittelalter.

Wasserkraft von Jan auf enyway

Wasserkraft liefert rund um die Uhr Strom – unabhängig von Wind und Sonne.

Und dann erzählt Müller-Scheeßel, dass die Mühle und der Fortschritt schon immer Hand in Hand gegangen seien. Der Strom für die Dorfbevölkerung kam zuerst von den Mühlen, in Scheeßel im Jahr 1910. Bis heute – und Müller hofft, noch lange – liefert die Wümme Strom, der für etwa 50 Vier-Personen-Haushalte reicht. Wirtschaftlich sei das zwar nicht sehr bedeutend. Aber es gebe stärkere, emotionale Gründe. „Das ist eine Herzenssache“, sagt Jan Müller-Scheeßel. Und dann mit hörbar ernsterer Stimme: „Es hat mit Respekt zu tun. Vor dem, was meine Vorfahren aufgebaut haben.“

Und so schlägt sein Mini-Wasserkraftwerk eine Brücke aus der industriellen Vergangenheit in die nach-industrielle, smarte Zukunft. Vor einigen Jahren hat er die Hauptturbine von Fachleuten aufwändig restaurieren lassen, die verrosteten Schaufeln des Turbinenrades ließ er durch neue ersetzen. „Das war eine großartige Arbeit unter schwierigen Bedingungen“, sagt Müller-Scheeßel.

Kleinere Wasserkraftanlagen stünden im Ruf, nicht wirklich rentabel zu sein. Jan Müller-Scheeßel zuckt mit den Schultern. Er kalkuliere anders, nämlich mit seiner „Herzenssache“ als entscheidender Größe: Rechnet man die Instandhaltungskosten für die Anlagen heraus, die er sowieso erhalten will, weil sie unbedingt erhaltenswert sind – dann trägt der Strompreis durchaus etwas bei. Die Einnahmen sind eine Querfinanzierung für das Mühlenmuseum.

Jan in seiner Wassermühle

Technik, die jeder noch verstehen kann.

„Wir haben da so vieles vor“, sagt Müller-Scheeßel. Er will wieder Getreide mahlen, womöglich ein Café im früheren Sägewerk einrichten. Er will viele der alten Maschinen restaurieren und wieder gangbar machen. „Ich habe als Kind gern mit Fischer-Technik gespielt“, sagt er. Und ja, das stimmt, im Grunde tue er das immer noch, nur im großen Maßstab: eine Leidenschaft für Maschinen ausleben, deren Mechanik noch durchschaubar ist, weil alle Kräfte sichtbar übertragen werden. Die eineinhalb Meter Gefälle des Wümme-Wehrs treiben sogar einen hölzernen und zugegebenermaßen bedenklich wankenden Fahrstuhl für den Müller an.

Der Verkauf von Ökostrom eröffnet in Scheeßel neue Perspektiven. Denn weil die Wümme mit ihrer Kraft sauberen Strom produziert, kann hier beides gelingen: Eine magische Maschinerie bleibt erhalten – und die Energiewende wird vorgangetrieben. Nicht nur durch den grünen Strom selbst, sondern weil der abstrakte Begriff „erneuerbare Energie“ erlebbar wird. Müller-Scheeßel führt regelmäßig Besuchergruppen durch seine Mühle. Dann zeigt er, wie aus der Vergangenheit Zukunft wird, mit Wasserkraft, mit Technik, die einfach genial und genial einfach ist. „Dafür“, sagt er, „steige ich gern mit dem Ölpinsel in den Schacht.“

Noch mehr über die beeindruckende Geschichte von Jans Wassermühle findet ihr in diesem SPIEGEL ONLINE Artikel.

Strom direkt vom Erzeuger kaufen

Neben Jan mit seiner Wassermühle gibt es noch andere spannende Geschichten unserer Stromverkäufer. Mit wenigen Klicks macht ihr mit einem von ihnen einen normalen Stromvertrag. Und schon kehrt ihr eurem alten Stromanbieter den Rücken und bezieht Strom endlich direkt vom Erzeuger.

Direkt zu den enyway Stromverkäufern
Zur Blogübersicht